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Vortrag zum Symposium, Zeit - Erfahrung, Künstlerhaus Schloß Plüschow,
Herbst 1999
dazu wurde der in wesentlichen Teilen dort gedrehte Film Friseursalon gezeigt
ein paar Notizen zur Wandlung von Zeitperspektiven in meiner Arbeit.
Friseursalon:
Was bleibt, wenn etwas verschwindet?
Der Abschied von dem Halten-Wollen
Arbeit
Film: es gab schon lange den Wunsch einen Film zu machen, aber es fehlte die
Idee für die Zeit des Films.
Es gab keine Dramaturgie, weder Anfang noch Ende, keine Geschichte.
Ich hatte mich immer mit Zuständen beschäftigt. Aber auch mit dem
Gewordenen. Eigentlich konnten mir nur Gegenstände schön, d.h. interessant
sein, die zeigen, wie sie geworden sind, und unvermittelt rutschte ich damit
in den Sammler. Denn diese Gegenstände waren dabei auszusterben. Am Aussterben,wie
die Rheinländer die Zustandsform des Verbs nennen.
Es war also höchste Zeit, sich zu befreien.
Der Friseursalon war dieser Abschied.
Im nächsten großen Projekt war die Zeit gefroren. Millionen, vielleicht
auch eine Milliarde Stühle, für je 8 Erdenbürger einen. Eine
Milliarde eingefrorener Momente. Der Moment, in dem der heiße Kunststoff
die Form in die er gespritzt wird, ausfüllt und erkaltet. Der Stuhl ist
dieser Moment. Die Glätte seiner Oberfläche, die vermeintliche Durchschaubarkeit
seiner Struktur verhindern Geschichtsbildung weitgehend. Das ist erwünscht,
denn auf der ganzen Welt herrscht mehr oder weniger stark ausgeprägt eine
Phobie vor den Spuren der Zeit, wahrscheinlich weil das mit dem eigenen Altern
zu tun hat. Daß die Menschen in dem ganzen Glanz des Einkaufszentrums
vor meiner Türe umso faltiger erscheinen hat sich dort noch nicht herumgesprochen.
Glänzen kann der Mensch nur in einer adäquat alternden Umgebung. Das
Museum altert vielleicht, aber die Exponate sind angehalten, es nicht zu tun.
Vielleicht ist der Sozialismus auch nur zusammengebrochen, weil man die Gegenstände im Osten so baute, daß sie bereits bei Aufstellung Spuren durchgebrachter Zeit aufwiesen. Während sich die im westlichen Deutschland in kriegsbedingter, paranoider Zeitlosigkeit zu halten hatten, um nicht ausrangiert zu werden.
Natürlich ist der kapitalistische
Monoblock auch dafür ein guter Herhalter: man muß schon Hausmeister
im Artist´s Muzeum in Lodz sein, um ihm eine Möglichkeit zu Altern
abzuringen. Ansonsten ermöglichen nur jahrelange großstädtische
Abgas- und Regenkuren an dichtbesiedelten Ampelkreuzungen wenigstens oberflächliche
Schrundenbildung. In den überwiegend häufigsten Fällen wird der
Stuhl digital gehandhabt: entweder er ist wie er ist, oder er fliegt auf den
Müll.
Das angeblich so geschichtslose Nordamerika schüttelte mein Bild ein wenig
durch. New York schraubte den hysterischen Effekt neu oder weg zu einem deutschen
Phänomen herunter. Wie anders wären die Schlaglöcher in Midtown-Manhattan
zu erklären? Nachdem die Bundesrepublik den Osten gekriegt hat, ist das
alles nicht mehr zu halten, bzw. die Kriegsfolgenbeseitigung sind weder physisch
noch seelisch vorrangiges Ziel. Langsam stellt sich auf den Straßen eine
Art Weltmittelpegel an Präsenz von Werden und Vergehen ein.
Bis zur Wende stand alles
still, es gab das Privileg von Geschichte nur vor meiner Zeit. Aber auch die
seit etwa 15 Jahren massiv ins Leben des Einzelnen hineingreifende bekanntlich
rasante informationstechnologische Entwicklung bringt das Bewußtsein in
einem geschichtlichen Prozeß zu leben zurück. Vielleicht hat das
auch mit dem Übergang der postpubertären alles kann man machen - Lebenszeit
in die Melancholie des Erwachsenseins zu tun. Das und das hast du getan und
nun beginnst du, dafür verantwortlich zu sein. Du hast die Karten gelegt,
und nun mußt du damit klarkommen.
Neoliberalismus als Schlagwort für sich spontan organisierende ökonomische
Zeit.
Geschichte-Geschichte. Von Geschehen. Schichtung. Geschichtete Geschehnisse. Schichtung kommt von niederdeutsch ordnen, reihen, trennen.
Zeitmedium: Film:
Bewegung nur aufgrund von Zeitlicher Abfolge wahrnehmbar. Schnelle Abfolge gefrorener
Bilder. Die Stufigkeit wird durch Überlagerung, Nachbild verschliffen.
Das Filmbild, wie auch das Bild auf einem Fernseh-/Computerbildschirm stellt
eine Digitalisierung der Zeit dar. Ohne die Scheibchenweise Verwaltung des Zeitaspektes
sind Film und elektronische Bilder nicht zu denken. In der Geschichte der Cinematographie
kann man den Moment beobachten, wo die Digitalisierung der Zeit erfunden wurde,
bzw. gab es verschiedene konkurrierende Ansätze der Scheiblettenzeit: Schlitztrommel,
Muybridge etc. Die Scheiblierung war die einzige Möglichkeit Bewegung zu
übersetzen. In dem Sinne, daß die Abbildung in ein grundsätzlich
anderes Medium als das Abgebildete überführt wurde. Die Laterna Magica
fügt verschiedene Bewegungen zusammen und vergrößert sie. Sie
ist im Grunde genommen eine mehrdimensionale Diaschau.
Die von mir gewählte Form des Animationsfilms macht sich diese technischen
Grundlagen zu nutze. Oder besser: lange operierte sie mit der rudimentärsten
Form der Filmherstellung. Auch wenn der Kameramann nicht so filmhistorisch verwurzelt
ist, wie Lutz Garmsen, der bei Friseursalon Kamera machte, kommt man kaum umhin
sich bei der Arbeit ständig die Mechnik der Zeit, die das Prinzip Film
kreiert klar zu machen.
Geraffte Zeit. Üblicherweise
durch Schnitt.
Oder als Kondensat (Zeitraffer):
Beeindruckend ist Zeitraffer, wenn Vorgänge, die als Zustände wahrgenommen
werden in die Kategorie der Bewegung wechseln und den Verdacht erhärten,
daß nichts bleibt, wo und wie es ist. (Wolken, Tiede, Blumen).
Gegenstände, die sich dem Auge gegenüber in einer wohltemperierten
Geschwindigkeit bewegen, kann der Zeitraffer zum Fluß machen und damit
entindividualisieren.
So sind beim Zeitraffer grundsätzlich zwei verschiedene Formen von Veränderung
des die Zeit betreffenden Aggregatzustandes möglich.
Bei keiner Arbeit bin ich
je so oft zu spät gekommen, wie beim Zeitraffer.
Man wünscht sich immer das Ereignis mit optimal eingestellter Kamera in
Empfang zu nehmen. Beginne ich mit der Aufnahme, wenn sich der Stau schon gebildet
hat, der Menschenauflauf, das Feuerwerk schon losgeht habe, ich nur noch den
abfallenden Bogen des Ereignisses. Es ist also notwendig Ereignisse zu antizipieren.
Entweder, es handelt sich um organisierte Angelegenheiten wie Oper oder Karneval
der Kulturen, oder um zyklische wie Sonnenuntergang,Verkehr und Rolltreppe.
Interessant ist es, eine Situation unter zu beobachten, um herauszukriegen,
wo und wie das nächste Ereignis sich herauskristallisieren wird. (Manchmal
gibts dann eben doch gerade den Staßenbahnstau in Hongkong).
Dieser Aspekt spielt zwar bei der dokumentarischen Kamera auch eine große
Rolle, aber sie reagiert viel schneller. Den Zeitraffer interessiert der Unfall
nicht, ihn interessieren die Konsequenzen, die Bewegungen/Stockungen/Rhythmen
die sich in der Umgebung an das Ereignis anschließen, er interessiert
sich für die Störungen (strömungsmechanisch: die Turbulenzen),
mit denen das Ereignis auf seine Umwelt einwirkt.
Schnell bewegte Gegenstände
werden als klein wahrgenommen, langsam bewegte als groß. Deshalb werden
die Schnipsel der explodierenden Hollywoodmodelle in extremer Zeitlupe aufgenommen.
Bewege ich in einer Animation einen Lockenwickler mit ca 2 cm Abstand zwischen
den einzelnen Phasen durch einen Ausschnitt von sagen wir einem Meter fünfzig
Bildbreite, bewegt er sich träge, ohne Ziel gerade eben wahrnehmbar. Grenze
ich den Ausschnitt auf fünfzehn Zentimeter ein, rast derselbe Lockenwickler
so schnell durch, daß man ihn kaum als solchen wahrnimmt. Das Gefühl
dafür zu entwickeln bringt Spaß, und immer wieder ist man versucht,
sich verwirren zu lassen. Sitzte ich Stundenlang an einer Einstellung und animiere
die Gegenstände darin herum, denke ich natürlich es würde fiel
passieren. Viel passiert aber, wenn ich alles mit großen Abständen
zwischen den Phasen durchscheuche. Schnitt das nächste. Immer wieder muß
man seinem Kopf diese Negativität von Zeit mit der man es zu tun hat ins
Gedächtnis zurückrufen. Wenn ein Gegenstand einen Weg langsam zurücklegen
soll, so rennt man sich die Hacken wund, während der schnelle Weg dem Animator
die Zeit zu einer Kaffeepause danach gewährt. Deshalb ist man immer geneigt
schnell zu werden. Es sei denn man überläßt sich ganz dem Rhythmus:
Pedal treten, das den Auslöser in Gang setzt. Warten, ins Bild gehen Gegenstände
umsetzten, im Kopf behalten welcher welche Richtung und welche Geschwindigkeit
hat. Allmählich beschleunigen, Verlangsamen. Damit ist der Kopf gebunden
und der Körper pendelt aus dem Ausschnitt heraus zum Auslöser, der
am Kabel kurz hinter der Grenze liegt. Mit dem Sicherheitsabstand, den man einhalten
sollte, um nicht aus Versehen den eigenen Schatten mitzuanimieren, hatte ich
immer Schwierigkeiten. Vergißt man einen Gegenstand mehr als eine Phase
lang sollte man ihn eine Weile liegenlassen und zu der Pause stehen. Denn was
entsteht wenn Gegenstände plötzlich stehen ist eine Unregelmäßigkeit
die als empfindliche Störung wahrgenommen wird. An einem guten Tag findet
man sich in einem Rhythmus wieder, aus dem man gar nicht mehr auftauchen möchte
und merkt gar nicht daß man schon 14 Stunden dabei ist. (Eine Einstellung
allerdinge, die 14 Stunden dauert ist meistens nicht dazu angelegt die Mitarbeiter
die Zeit vergessen zu lassen). Bewegt man nicht nur die Gegenstände, sondern
auch die Kamera, ists meistens aus mit der Meditation, denn man muß sich
gegenseitig ansagen, was man gemacht hat, alle Schritte abhaken und doppelt
verantwortlich sein denn unregelmäßigkeiten in der Kamerabewegung
sind meist so störend, daß man die Aufnahme nicht verwenden kann.
Es muß nur jemand reinkommen und fragen, ob man einen Kaffee will und
schon weiß niemand mehr, ob er schon bewegt hat. Alte Animatoren sind
trickreich im Bau kleiner Eselsbrücken aus Papier etc. Tricktische sind
natürlich automatisch gesteuert und es gibt auch CNC-Schienensysteme, aber
die zu mieten, hatte mit unserem Budget nichts mehr zu tun.
Schiffe, die unmerklich
am Kai schwanken oder als Ausflugsdampfer die Spree hoch- und runterfahren sehen
im Zeitraffer aus wie aus der Peripherie einer gut entwickelten Modelleisenbahnlandschaft.
Dieses Prinzip nutzend könnte man einen Film machen, in dem Kleinkinder
mit Lastern und Baggern spielen, die am Potsdamer Platz den Sand für Debis
hin- und herfahren.
Was bleibt, wenn etwas verschwindet?