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Vortrag gehalten am 11.6.03
Kunstakademie Dresden, Klasse Monika Brandmeier
anschliessend wurde Aurora, 99 min, 1998 gezeigt.


ARBEITEN UND RECHERCHIEREN
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Ein Textfehler in einer Website ist wie eine Lackabschürfung an einer Bürotür.

Neben den im Text erwähnten Personen, möchte ich Stephan Kurr Alexander
Weil Kathrin Kur Sebastian Bott/Neil Roughley und Christine Hoffmann nennen,
von denen ich Gedanken teilweise direkt in diesen Text übernommen habe.

"I´m working on the construction of identity"
Ich schleiche seit Tagen um mein Thema herum. Bin ich nun dabei gelandet, mich öffentlich selbst zu erklären und die Theorie zur Arbeit gleich mit zu liefern? Nicht nur Recherchieren Filmen Installieren, sondern auch Erklären. Eine Arbeit, die sich so selbst von der Notwendigkeit gesehen und erfragt zu werden befreit? Gut, das erste KO Kriterium für diesen Nachmittag. Das zweite kam eigentlich vorher eine Arbeitspause bei Famos, oder fanos, marokanisch, Schawarma im Brot, da waren zwei langgediente Lehrkräfte, der eine zu Künstler als Beruf der andere im öffentlichen Raum, die unisono stöhnten: Die Recherchieren doch viel zu viel, die wissen immer, wie man alles auf den aktuellen Diskurs bezieht, nur kommen sie nicht mehr zum Machen, zum ästhetischen Tun,.. Waren wir nun hierhin gegangen, um mich vollends zu entmutigen? Ich dachte, wir hätten nach vier Stunden ebay-Konstruktion-Sitzung, den Nasen in Richtung sonnige Strasse auf Barhockern sitzen wollen und nett zueinander sein. Da hätte z.B. in Montreal eine Studentin gesagt "I´m working on the construction of identity", interessant eigentlich, dann habe er sich ein Video angesehen mit Kindern am Rodelberg. Zunächst einmal hatte ich nichts gegen Rodelberg und nichts gegen Kinder, im Gegenteil, und sie ist ja am Arbeiten, habe ich mich nicht zu sagen getraut. Weil ich trotzdem wusste, wovon er sprach.

Mit Recherchieren hat das schöne Benutzen von geflügelten Worten aus dem Kunstbetrieb eigentlich nichts zu tun. (gerettet!). Wir reden hier nicht vom Recherchieren im Kunstdiskurs, sondern vom Recherchieren in kunstfremden Gebieten. Suche. Das Wort legt nahe, dass es sich nicht nur um eine Suche, sondern um eine Rück-Suche (vielleicht: Rück-Verfolgung) handelt. Einen Weg, der bereits gegangen wurde in die entgegengesetze Richtung gehen, um beim Ausgangspunkt anzukommen. Suche nach etwas, das schon da (gewesen) ist.
Sagt das Wort.

"Der Film hat sich auf die Seite des Tatsächlichen geschlagen."
Betrachte ich den ersten Filmausschnitt, so sehe ich zwei Filmemacher (den Theoretiker Jürgen Ebert und den Macher Hellmuth Costard), die sich als Arbeitsanweisung gegeben haben, die Gegenwart erzählen zu lassen, den Moment wirken zu lassen. Ihre Recherche zu Zeit, Digitalisierung und Fiktionalisierung wird zum Werkzeug, Versuchsanordnungen für die Kamera zu inszenieren. Versuchsanordnungen, in denen mit grösstmöglicher Deutlichkeit die lebendige Gegenwart sich zeigen kann. Das ist der Moment. Im phantasielosen Film. "Spielfilme vollkommen phantasielos drehen" war der programmatische Arbeitstitel der Serie von Filmen, die in drei-Kamera Technik gedreht wurden. Diese Filme leben in dem Widerspruch, die Wirklichkeit als sie selbst abbilden zu wollen, auf der anderen Seite aber zu verstehen, dass diese Abbildung nichts anderes sein kann als Fiktion, und entwickeln aus diesem Widerspruch ein dialektisches Verhältnis. Beim Betrachten mag man sich vor Augen führen, dass 1983 kaum jemand je das Wort Echtzeit gehört hatte und auch kaum jemand in eigener Sache einen Computer benutzte.Es war im wesentlichen die Zeit der schwarz/grünen Asci-Bildschirme.

FilmAusschnitt ECHTZEIT , 4 ½ min

Gut 10 Jahre nach Echtzeit, 1996 beginne ich Aurora. Ohne es zunächst zu merken, knüpfe ich bei dem phantasielosen Film an. Aurora, das Langzeitprojekt, in das die Recherche direkt 1:1 als Raum der Beschreibung einfliessen konnte.

Zwischen Echtzeit und Aurora liegt für mich ein langer Weg mit Malerei und der Verwandlung von Dingen und Welten, (verarmter Barock) und Aufstand der Dinge. Rastpunkt zwischen künstlerischer Arbeit und Filmarbeit sind die ersten Drahtmodelle 1989, plötzlich kamen beide Bereiche zusammen.

DIAS zur Materialität der Dinge, verarmter Barock, Schattenobjekte 1-7

FRISEURSALON Ausschnitt Ende 5 min Friseursalon
Abschied vom Schaffen eigener Welterzählungen. also: Der Abschied von der Konstruktion des Anderen. Von da an entstand (so hoffe ich) die Poesie nicht aus geschaffenen Bildern, sondern aus dem Durchscheinen in die Realität des Abbildens.

Dias DRAHT 2: BüroMoskau Drahtlager 8

Abbilden war natürlich nur eine Laboranordnung. Den Meterstab in der Tasche und den Schäfer-Shop- Katalog auf dem Tisch ist der Schweissmeister gewappnet, er hat sich entschieden, sich von der Wirklichkeit beschenken zu lassen. Selbstredend lässt sich die Realität dieser Geschenke aus der Wirklichkeit in Frage stellen. Ein Arbeitsbegriff damals war, dass die Gegenstände in einem durchschnittlichen modernen Büro ungefähr soviel Materialqualitäten aufweisen wie ihre eigenen Planzeichnungen: Laminate, Beschichtungen, Verbundstoffe. Obwohl im Dienste der Funktionalität, durfte nichts sein, was es war. 9

Kann man sich heute kaum noch vorstellen, denn die ganze einfache 1:1 Materialität ist fast komplett weggebrochen. Fast überall auf der Welt zB haben Monoblockstühle zusammengenagelte Hocker als einfache Sitzgelegenheiten ersetzt. Nach dem Zusammenbruch der realsozialistischen Märkte und ihrer Produktionsorte machte diese Entwicklung einen rasanten Schub. Damals beschäftigte ich mich mit diesem Punkt des Verschwindens, auch um mich zu überreden, den Tatsachen endlich ins Auge zu sehen. Heute ist ein ärmlicher Haushalt ganz selbstverständlich nicht mehr hand-orientiert als ein mittelständischer. Nur Exoten heizen mit Kohle. Der sog. "einfache Mensch" lebt aus der Tiefkühltruhe und berührt sein Essen erst im Mund. Kaum jemand dieser "Einfachen " kann sich, wie wir wissen, durch seiner Hände Arbeit durchs Leben bringen. Das war es, was man früher immer zuletzt noch anzubieten hatte. Dadurch hat sich das Verhältnis der Menschen zum Material verändert, hat sich die Haut ihrer Hände verändert, die Art wie sie Dinge 10 berühren. Die Sprache reflektiert das: "handfest" zB ist ein selten benutztes Eigenschaftswort geworden, Laminat hingegen vor kurzem noch reine Fachsprache, nun jedem ein Begriff (wenn auch nur für ein einziges laminiertes Produkt unter tausenden)
11 bis 15 Drahtlager

Hannes Böhringer, Orgel und Container, Berlin 1993
Der Container ist kein "Geviert", kein "Ding" (Heidegger), er ist ein Zwischending, der Behälter zwischen Fahrzeug und Ladung. Er erleichtert die vorübergehende Beziehung zwischen ihnen, indem er sich zwischen sie schiebt.
Der Container passt nirgendwo hin, er passt die Umgebung an sich selbst an. Am besten passen deshalb Container zu- (in-, auf- und neben-)einander. Der Raum ist zu einem Behälter geworden.
In den Container paßt nichts Bestimmtes, sondern alles Mögliche. [...] Der Philosoph im engen Maßanzug konnte sich kein Durcheinander erlauben. Das Faß war in Ordnung. Es erfaßte die Welt. Ohne Welt kein Ordnung (kosmos). [...] Der Container ist ebenso Behälter wie Entleerer. Eigentlich behält er nichts. In dieses Nichts wird die Ladung geworfen. [...] Der Container entleert, was er behält. [...] Die Lücke sehen heißt sie schon geschlossen haben. 16-17


KONSUM - Ausstellung
- Analyse der Region in der die Ausstellung stattfand, zu einem Zeitpunkt, da die neuen autobahnzentrierten Verteilungssysteme gerade in die Ex-DDR implantiert waren. 18-19

PIALKA- (nur Dias) bis 28

ENTROPIEPUMPE - Das Auftauchen von Sprache Welche Fachsprachen erzeugen welche Denkbilder? 29-32

AURORA - Raum der Beschreibung
Quantifizierende Raum-Zeit-Darstellungen als ästhetische Äusserung von Wissenschaftlern bzw. Ingenieuren: Was passiert mit der Realität? 33

Es begann die Entdeckungsreise durch die Möglichkeiten Betrachtungsebenen in die Realität einzuziehen. Beschäftigt man sich als Aussenstehender damit, so ist man frei die Beliebigkeit der Betrachtungsebenen zu erfahren, da man selbst ja nicht in das System gebunden ist, in dem sie geschaffen sind. Dieses Vexieren von Notwendigkeit und Beliebigkeit kann im AugenHirn des Betrachters einer ästhetischen Perspektive ähneln.

Schon in Echtzeit wird anhand eines errechneten Landschaftsbildes, das aus einem modellerzeugenden Datensatz, als Abbild bestimmter Partien der Erdoberfläche generiert ist, die Frage diskutiert, wie sich die Qualität von Perspektive unterscheidet, wenn sie auf einen definierten Punkt bezogen, bzw. von ihm ausgehend ausschließlich errechnet worden ist, ohne dass der Betrachterstandpunkt jemals eingenommen worden wäre. Diese Tatsache rückt das Landschaftsbild in die Nähe der Malerei, die im GGs zum Kamerablick es auch nicht erfordert, dass jemals realisiert worden wäre.
Bei den graphischen Grenznutzenmodellen mit denen ich mich im Zusammenhang von Aurora zunächst beschäftigte, haben wir es mit der Einfügung einer ganz anderen Art von Perspektive zu tun. So, wie man die Position des Betrachters auch als Punkt definieren könnte, von dem aus er seine Frage an die Umgebung stellt, kann man analog sagen, die Position von der aus hier (bei den Modellen aus der Wissenschaft bzw Ingenieurwesen) die Frage gestellt wird, ist eine Fläche. Das bedeutet, dass das Ergebnis nicht ein Bild sein kann, das auf einen Ausgangspunkt orientiert ist, sondern ein Bild sein muss, das von einer Art Absorptionsfläche (Niederschlagsfläche) erzeugt ist.

Ich habe (i.Ggs zu Echtzeit) nie den Versuch gemacht, die Wahrheit eines Momentes mit der Kamera zu "erwischen". Erwischen ist ein Sternreporter-Wort und hat doch eine wunderbare Komponente: da er-wischt sich die Kamera als Putzlappen die Wirklichkeit.
Und ver-wischt diese je nach Beschaffenheit.

Ich habe den Charakter meiner gefundenen oder hergestellten (gefilmten) Materialien formaler betrachtet, als es in Echtzeit getan wird. Ich habe vor allem die Potenz gesucht einen Zusammenhang herzustellen. Für mich hatte das Material also nicht so viel Eigenaussage, deshalb habe ich auch nie so viel Aufmerksamkeit auf die Inszenierung der dokumentarischen Versuchsanordnungen gewendet.

Zu Anfang das Zitat des zarten Schlachtenrufs: "Der Film hat sich auf die Seite des Tatsächlichen geschlagen." was sich bereits im Titel ad absurdum führt (was beabsichtigt war): Wie kann ECHTZEIT irgendetwas mit dem Tatsächlichen zu schaffen haben? In dem Moment, da eine Zeit als echt tituliert werden muss, (will oder soll,) verschwindet die Möglichkeit, Ereignisse in irgendeine fassbare reale Ordnung zu bringen. Ich gebe zu viel wilder sind die Begriffe durch die Entwicklung der Relativitätstheorie hintenüber gekippt.
Echtzeit aber ist angewandt, es handelt sich um einen ingenieurssprachlichen Begriff.

Auf dem Weg zur Tatsache mache ich zunächst mal eine kleine Exkursion zu meiner erkenntnistheoretischen Spatzenmahlzeit: 35

Gemütlich hatte ich anhand der Unterschiede zwischen der "Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" und einer künstlerischen Tatsache auf die Methode künstlerischer Recherche kommen wollen, als ich auf der Pirsch nach Präzisierung überraschend folgendem begegnete:

(Ludwik Fleck, ... Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, 1935)
Wendete jemand ein, der Erkenntnistheorie käme es nicht auf die Untersuchung an, wie ein Zusammenhang entdeckt werde, sondern auf seine wissenschaftliche Legitimierung, auf sachliche Beweise und logische Konstruktionen, so wäre zu antworten: Solches Legitimieren ist sicherlich sehr wichtig und bis zu den gewöhnlichen Grenzen und mit gewöhnlicher Genauigkeit trifft es auch in unserem Falle zu. (...) Doch stimme ich nicht der Meinung bei, in dieser Überprüfung der Systemfähigkeit der Begriffe und ihrer Koppelungen bestünde die einzige oder die wichtigste Aufgabe der Erkenntnistheorie.
Der Begriff [...] muß wie ein denkhistorisches Ereignis, wie ein Ergebnis der Entwicklung des Zusammentreffens einiger kollektiver Denklinien untersucht werden.


Ich denke an meinen mühsamerquicklichen Vortrag, wie sich Fleck, bei dem alles zu fliessen scheint, gegen die mit spitzem Bleistift in Reinzeichnung gesetzten Texte des Hist. Wörterbuchs zur Philosophie absetzt. Aus der Reinzeichnung habe ich ein paar besondere Zimmerecken isoliert:

Tatsache ist, was weder bloß möglich noch notwendig ist, was zwar dem Belieben der Phantasie entzogen [...] nicht zu leugnen ist, was aber auch nicht Inhalt oder Grundlage apodiktischer Urteile sein kann.
apodiktisch: unwiderleglich, endgültig

[...] gelten Tatsachen als das [...] Primäre, das unverarbeitete, nicht durch Deutungen und Hypothesen affizierte Grundmaterial der Erkenntnis; [...] "factum brutum"(fait brut)

[...] Gleichwohl werden sie (Tatsachen) nicht durch ihre Position in der objektiven Welt, sondern durch den Satz, die Aussage, auf ihre Funktion, als Wahrheitsbedingungen festgelegt.

[...] Ferner gilt, dass jeder Bezug auf Tatsachen zwar ein Bezug auf zeitliche Begebenheiten ist [...] , dass Tatsachen selbst gleichwohl nicht als zeitliche Begebenheiten charakterisiert werden können. Sie ereignen sich nicht und sie sind nicht vergangen.

Die Bezogenheit der Dinge wird also als neue Einheit verstanden, nämlich als Tatsache. Nach Ch.S. Peirce /B. Russell (Hist.Wört. Phil, Bd10), S. 913

Für Wittgenstein besteht eine durchgehende Isomorphie zwischen Sprache und Welt. Daher entsprechen den sprachlichen Gebilden ‚Name', ‚Elementarsatz', ‚Satz', ‚(empirisch) wahrer Satz', ‚Gesamtheit der (empirisch) wahren Sätze' die ontischen Gebilde ‚Gegenstand', ‚Sachverhalt', ‚Sachlage', ‚Tatsache', ‚Welt': "Die Welt ist die Gesamtheit aller Tatsachen, nicht der Dinge." iso-gleich, ontisch-das Seiende betreffend.


Daran anschliessend kann man wieder Fleck zur Hand nehmen, er zitiert:
"vielmehr seien sie (Worte) eine Übertragung der Erlebnisse und Gegenstände in ein Material, das leicht formbar und stets bei der Hand ist. Die sprachliche Wiedergabe wäre danach ursprünglich nicht eindeutige Zuordnung im Sinne der Logik, sondern Abbildung im lebendigen Sinne der Geometrie. Der Sinn wäre in derart entstandenen Lautgebilden unmittelbar enthalten.
«. [...] Der Zusammenhang zwischen Wiedergabe und Erlebnissen gliche nicht dem konventionellen Verhältnis zwischen einem Zeichen und dem Bezeichneten, sondern läge in einem psychischen Entsprechen beider. Die Evidenz wäre in derart entstandenen Denkgebilden unmittelbar enthalten.


Ich kann mir die Freiheit nehmen, hier einfach mitten im Prozess Prioritäten zu setzen, die viel mit dem mir-begegnet-sein zu tun haben. Nun wäre es an der Zeit zu dem Komplex Künstlerische Tatsache zu kommen. Meiner Freundin K ists sofort klar: sie stellt als erstes die Frage, wo in der Arbeit ich die Tatsache als Begriff hinsetzen will?
Wo will ich in diesem schönen klapprigen Gedankengebäude die Tatsache verankern, bzw. wie hilft die Tatsache dabei, dieses Gebäude zu verankern?
Frage ich nach der künstlerischen Tatsache oder nach der Tatsache in der Recherche zur künstlerischen Auseinandersetzung?

Jedes Faktum der gegebenen Welt kann eine Tatsache in der Recherche zur künstlerischen Auseinandersetzung sein. Unwahrheit, Fehlerhaftigkeit oder Fiktivität sind keine Hinderungsgründe dafür, Sachverhalte zu Materialien künstlerischer Auseinandersetzung zu machen. In diesem Sinne gibt es keine Fehlerhaftigkeit. Das internet z.B. ist mit all seinen ungenau abgkupferten Texten, mit seinen esotherischen Verdrehungen, Welt, also Gegebenes. Ein Textfehler in einer Website ist wie eine Lackabschürfung an einer Bürotür.

Eine künstlerische Tatsache hingegen entsteht in dem Moment, da das Bild entsteht. Die Diskussion, ob das der Moment ist, wo das Bild im Kopf entsteht oder der, an dem der Auslöser gedrückt wird, ist lange geführt worden. Für den Betrachter jedenfalls entsteht sie in dem Moment, da er die Arbeit erfasst.

Dia 37 Molekül Mein Freund Historiker mailte.... eine Tatsache ist dann eine künstlerische, wenn sie beabsichtigt, dem Betrachter etc. eine ästhetische Erfahrung zu ermöglichen. So lässt sich auch die Sekundärkunst (Konzeptkunst der Gegenwart, die bereits einen paradigmatischen Kunstbegriff voraussetzt) begrifflich verstehen... durch das (vermeintliche) Verneinen einer ästhetischen Erfahrung (Duchamps Pissoir z.B.), durch konsequente anti-ästhetische Kunst, wird sie nicht etwa anti-ästhetisch, sondern sie fordert den Betrachter heraus, nachzudenken, welche perzeptuellen Unterschiede das Ästhetische vom Nicht-Ästhetischen trennen. Die Tatsache (das Artefakt) bleibt so eine künstlerische....

Ich glaube nicht, dass ich mich in diesen Zentralbegriff des Ästhetischen in der Kunst hineinschieben lassen möchte. Hier ist lediglich formuliert, wie sich Kunst von anderen Arbeitsfeldern unterscheidet, die sich mit Wahrnehmungsfragen beschäftigen.

Wir reden von Wahrnehmung, von der Transparenz von Wahrnehmungsmodellen, die wir entwickeln: Dabei stehen bei Aurora zB viele Wahrnehmungs- bzw.Sprachmodelle nebeneinander oder miteinander in Verbindung. Sie bilden den Raum der Beschreibung. Der Ganze Komplex ist das "Werk/Arbeit/Artefakt". Geht man durch die Ausstellung, oder beschäftigt man sich mit Katalog oder Film, entsteht eine Gleichzeitigkeit von Aspekten, Denkformen, visuellen Lösungen und Anschauungsmodellen, also entsteht eine vielgestaltige Einheit. Der Ausstellungsraum ist ein Raum zwischen Kunst-Raum und Welt-Raum.
Hier ist es meist nicht das einzelne Exponat, das die ganze Komplexität in sich trägt, sondern es ist die Kombination unterschiedlicher Elemente, die sich einer konventionellen Organisation des Ausstellungsraums bedienen, um in ihrer Gesamtheit zu wirken. Eine konventionelle Organisation des Ausstellungsraums in dem Sinne, dass der Raum wie ein Modell oder ein nicht besonders innovatives Schema einer Sachausstellung organisiert ist.
Man mag einwenden, dass es keine sehr gute Idee oder sogar ein Missverständnis von Komplexität ist, diese mit komplizierten vielgestaltigen Aufbauten zu bearbeiten. Grundsätzlich stimmt der Einwand. Wenn aber - wirtschaftswissenschaftlich ausgedrückt - wie hier die Entwicklungstiefe gering ist, kann das gewählte Material als solches erkennbar bleiben.

Benchmarkvergleiche zeigen, dass die Entwicklungstiefe eines Unternehmens Auswirkungen auf die Entwicklungszeit hat: Für die Entwicklung eines Fahrzeuges der Kompakt-Klasse benötigen die Amerikaner ca. 3,2 Mio. Stunden, bei einer Entwicklungstiefe von 86 %, [...] wohingegen die Japaner einen solchen Wagen in nur 1,7 Mio. Stunden entwickeln, bei einer Entwicklungstiefe von 49 %
(http://www4.in.tum.de/~rausch/publications/2001/MOB.pdf.)

Aus patentrechtlicher Sicht heisst der vergleichbare Sachverhalt Erfindungshöhe
Die Erfindungshöhe ist das zentrale und anspruchsvollste Kriterium zur Beurteilung der Patentierbarkeit von Erfindungen. Ihre Beurteilung erfordert im Einzelfall nicht nur einen fachkundigen Vergleich zweier oder mehrerer technischer Objekte, sondern auch eine Beurteilung von deren "Nähe" im Vergleich zu anderen technischen Objekten.
(Erfindungshöhe, Fritz Dolder, Köln, 2003)

Ich glaube, die Lust am Recherche-Material kommt aus meinen frühen Filmerfahrungen, und der Überzeugung, dass die wesentliche Gestaltungsarbeit beim Film im Schnitt liegt, im Abstand zwischen den Bildern, in der Differenz von A zu B. Pathetisch ausgedrückt in der Empfindung einer gewissen Unantastbarkeit des Gegebenen, oder einfach der Überzeugung, dass das gegebene Material unschlagbar und/oder unersetzbar ist. Wenn man also die Erfindungshöhe oder Entwicklungstiefe in seiner künstlerischen Arbeit reduziert, können die Tatsachen der Recherchen in die Nähe der künstlerischen Tatsache rücken, bzw sich verwandeln. 39/40

-Sprachräume als bildnerisches Mittel

Ich vermittele die zitierten Textpassagen als aesthetische Gebilde. Ihren Sinn beziehen diese Sprachfiguren aus der Isolation und dem veränderten Zusammenhang, die den jeweiligen Sprach- oder Denkraum für fachfremdes Publikum eröffnet. Auch im Falle von Entwicklungstiefe und Erfindungshöhe tangieren und reflektieren die Sprachschnipsel die Welt eines jeden Erdenbürgers. Niemandes Welt kann sich den Systemen, denen die beiden Sprachgebilde entnommen sind, entziehen. Meine Rolle besteht hier darin, den Autor des Textes an den Betrachter der Kunst zu vermitteln. Die Perspektive kehrt sich um, ohne dass sich dabei die Intentionen der jeweiligen (Ur-)Autoren nivellieren. Dabei verstärken die Wirkungen einander.
Bei dieser Verwandlung überschneiden sich klassische ästhetische, analytische und humorvolle Wahrnehmung teilweise.

Dias Areale99 43-44

Ausschnitt: ERSTELLEN - ERSCHLIESSEN 2min

Komplexität als Lösung [...] Zweitens ist Komplexität die Lösung, weil sie mit Fehlerfreundlichkeit [...] einhergeht. Komplexe Systeme sind meist lose gekoppelte Systeme. Das heisst, sie reagieren nur partiell auf Störungen. Störungen schiessen nicht gleich durch das ganze System [...] Fehlerfreundliche Systeme sind gleichzeitig Systeme, die sich selbst Fehler leisten [...] weil man nicht weiss, ob der Fehler von heute nicht der Strohhalm von morgen ist.

Dirk Baecker, Postheroisches Mangement

Dias Drahtessen 41/42

Hafen der Düfte
- gesprochene Bilder andere Form von Sprachbild

KUGEL - 45 Serie AUGE
Es ist schwer, einen Dreibein-Hocker auf zwei Beinen zum Stehen zu bringen.

Die Kugelausstellung war als Weiterentwicklung von Aurora konzipiert. Sie hatte auf drei Beinen stehen sollen: Künstlerische Arbeiten, Wissensraum, Katalog. Leider gab es die Abteilung, in der sich wieder eine Formensprache aus der Recherche hatte entwickeln sollen, nur so rudimentär, dass sie wie ein dekorativer Blinddarm wirkte. Inzwischen galt, es, den Unterschied zu vielen transmedialen (Gross-) Ausstellungen, wie z.B. Sieben Hügel herzustellen. Ausserdem konnte ich in einem Zusammenhang mit zwanzig anderen Künstlern nicht den ganzen Rahmen mit Drahtarbeiten einstricken. Es bedurfte neuer Werkzeuge. Und für deren Entwicklung fehlten Zeit, Geld und der unbedingte Wille der Arbeitspartner.* Zur Kompensation stürzte ich mich in den Katalog um das Ruder der Enttäuschung wieder herumzureissen. Immer wieder stachen die Fundstücke und vor allem die Überraschungen, die ihre Zusammenstellung bereitete, durch. Sie waren so stark, dass wir die Probleme ausserhalb der Buchdeckel lassen konnten.

DIASERIE - Kugel - 46-49 -
Charakteristika alogischer Ordnungsprinzipien Teil 1-
- Zur Lust am unsinnigen Kriterium frei erzählen: gefundene Bilder Netz und ebay, wie verwandelt sich Unsinn in Sinn. Farben/Beschaffenheiten der Bildinhalte. entsteht Bild-Erzählung ohne Handlung

- jenseits der Recherche KUGELFILM
Der Kugelfilm braucht keine Recherche mehr, vielmehr kann er nur leben, wenn er sich dem Recherchezwang entzieht, er muss seine eigene Geschichte erzählen. Da sind die Trümmer des Projekts, reichhaltige Trümmer mehrerer Jahre. Auf dem Spielplatz am Telefon kommt die rettende Idee, nur noch tun, wozu ich Lust habe, sonst wird der Film für kein Geld der Welt mehr entstehen. Die Türen für die Invasion der Riesenpilze auf der imaginären Bildfläche einer nomadischen Weihnachtsreise öffnen sich. Köln Stills 52-57

Ausschnitt KUGELFILM - 1. Kapitel 2 ½ min


Anknüpfend an die in die ins Thema eingezogenen Betrachtungsebenen, die als Absorptionsflächen das Bild erzeugen, sehe ich mich 6 Jahre später, frisch entlassen aus dem Kugellexikon, an einer Linie stehen.
Zunächst dachte ich, das Museum für Europäische Kulturen sollte täglich den Zustand von ebay abspeichern und so ein Archiv der Alltagskultur aufbauen. Jedes Element ist durch ein Bild plus Text vertreten. Die Nulllinie der Kommunikation.

Inspektor Berlin - Kommunikationsprojekt von S.H. und Christian Hasucha bei eBay
In den letzten Jahren ist das Versteigerungsforum Ebay zu einer Internet-Plattform geworden, der sich viele Millionen Menschen allein in Deutschland kontinuierlich bedienen. Auf der Basis des Anbietens und Erwerbens von Waren, hat sich eine eigene Verständigungsform gebildet, ein Tableau menschlicher Äußerungsmöglichkeiten in Bild- und Schriftsprache, gespiegelt in einem genau definierten Rahmenwerk. Die Vorgaben sind klar: Eine Person bietet einen Gegenstand zur Versteigerung an. Zur Veranschaulichung benutzt sie den vorgegebenen Rahmen schriftlicher Beschreibung und selbstgefertigter Fotografien. Zunächst sind beide Beschreibungsformen um Sachlichkeit bemüht. Aber kaum ein privater Anbieter kann sich der Offenbarung seiner Individualität entziehen. Aus Laminatböden, Ecken von Couchtischen und Polstern von Ledersofas, die den gezeigten Gegenstand umgeben, erahnen wir seinen Lebensraum. Die schriftlichen Beschreibungen geraten manchmal zu kleinen Berichten, wie es den angebotenen Gegenständen beim Noch-Besitzer ergangen ist.
Ein Angebot bildet so eine ästhetische Figur aus Text und Bild.

Inspektor-Berlin stellt sog. Realisierungseinheiten als Angebote bei ebay ein.
www.inspektor-berlin.de

 

* Ich habe nicht den Eindruck, die Welt braucht mich, um eine Kunstausstellung zu kuratieren. Abgesehen davon ist es aber absolut bereichernd, diesmal auf der anderen Seite zu stehen, und diese Dialektik von Absicht und Notwendigkeit zu spüren. Vor allem die ganze Bandbreite kennenzulernen mit der sich Künstler einem Projekt gegenüber verhalten können. Worte wie vielleicht sollte der Kurator aus seinem aktiven Wortschatz insofern streichen, als dass er wissen muss, dass es in einer Ausstellungsvorbereitung niemanden gibt, der vielleicht nicht als Zusage auffasst. (Daraus hat man dann fürs nächste mal Die Dramaturgie der provisorischen Absage zu lernen). (Mit diesen Erfahrungen im Sack konnte ich den in der Folgezeit mit mir befassten Kuratoren das Leben erleichtern.)